26. Januar 2010   DIE LINKE. NRW
Wer profitiert eigentlich von der Hochschulreform? Warum Lehrende und Studierende jetzt in eine Koalition treten müssen?

Bericht Veranstaltung Alex Demirovic (TU Berlin), Universität Duisburg- Essen 13.01.10

von Julian Schulz Die Linke. SDS Duisburg- Essen

Alex Demirovic, Lehrender an der TU Berlin beginnt seinen Vortrag in der stark besuchten Veranstaltung mit seiner Intention für die Veranstaltung.

Er benennt die im letzten Jahr aufkommende Streikbewegung, die seit vielen Jahren mal wieder eine Bewegung mit großem Potential ist. Er sieht die Emanzipation vor allem aus dem Bildungsgedanken begründet, und ordnet sie dort ein.

Ein anderer seiner Beweggründe ist die soziale Analphabetisierung, die an der Hochschule weit verbreitet ist, und sogar zu rechten Tendenzen unter den Studierenden führt. Er nennt hier Gründungen, wie die rechtsreaktionäre Zeitung „Junge Freiheit“, die größtenteils von Akademikern durchgeführt worden ist.

Studierende haben heute kaum noch historisches Bewusstsein, so Demirovic, und sind deshalb stark Medien geleitet. Hinzu gibt es bei den Studierenden kaum Milieuverschiebungen, was zur Unveränderlichkeit ihres Alltagsverstandes führt. Die Lebenssituation verändert sich bei den meisten Studierenden nicht, so dass eine kritische Veränderung des Alltagsverstandes außer Kraft gesetzt ist. Demirovic zeigt auf, dass dies eine Entwicklung der letzten Jahre ist, und die Reaktion der Hochschulen dies kräftig unterstützt. Durch die verschulten Studiengänge und der verkürzten Studienzeit wird dies genau suggeriert. Das Studium wird als Lebenswelt entfremdet und so ist es für die Studierenden nur noch ein Mittel der Berufsvorbereitung. Ein Studium als Persönlichkeitsentwicklung wird hier völlig ausgeblendet.

 

Als nächsten Punkt zeigt Demirovic den Wettbewerbsmarkt der Hochschulen auf, und weist auf die Rolle der einzelnen Hochschulen als Konkurrenten auf diesem Markt hin.

Durch die Mittelknappheit im Bildungssystem der letzten beiden Jahrzehnten ist ein Umdenken in der Ausgestaltung der Hochschulen entstanden, das einen Prozess in Bewegung gesetzt hat, der die Hochschule zu einem Unternehmen umfunktionieren soll. Eliteuniversitäten, sowie konservative und großunternehmerische Netzwerke geben seitdem den Ton in der Hochschullandschaft an. Die Entscheidungstragenden Gremien an der Hochschule sind nun vor allem der Hochschulrat, der aus den gerade aufgezeigten Netzwerken besetzt ist, sowie dem Präsident oder Rektor einer Hochschule. Nach den neuen Hochschulgesetzten ist der Rektor alleinige Entscheidungsinstanz und kann so ganze Fachbereiche schließen, und bestimmt außerdem über Besetzung und Entlassung von Lehrenden. Dies geschieht unter dem Druck der Wettbewerbsfähigkeit.

 

Im Folgenden spricht Demirovic die Situation der Lehrenden an den Universitäten an, die stark durch die Wettbewerbsfähigkeit determiniert ist. Hochschulrankings, wie z.B. „CHE- Centrum für Hochschulentwicklung“ von der Bertelsmann Stiftung setzen die Lehrenden der absoluten Marktradikalität aus. Effizienzkriterien, Leistungsdruck, hoher Verwaltungsaufwand macht viele Lehrende zu prekär Beschäftigten. Gegipfelt wird dies in den Rankings unter den Hochschullehrern, in denen Lehrkräfte wie Musik in Charts gepresst werden und durch ihre Position sogar Lohnsteigerungen erhalten können oder Lohnkürzungen hinnehmen müssen. Es findet im Allgemeinen eine Entwertung der Wissenschaft statt, da nur noch wettbewerbsfähige Inhalte beachtet werden können.

 

Nach der Frage unserer Hochschulgruppe nach Vernetzung zwischen Lehrenden und Studierenden, widmet sich Demirovic ausführlich dem Thema dieser Koalition, die er für dringend notwendig hält. Verknüpfungspunkte sieht er in der Einheit von Forschung und Lehre. Es muss ein kollektiver Austausch in Gang gesetzt werden, der die starke Individualisierung an der Hochschule, gekennzeichnet durch überfüllte Seminare und kaum persönlichen Kontakt zwischen Lehrenden und Studierenden, aufbricht. Der starke Druck auf Studierende und Lehrende wird unterstützend dazu führen können, dass ein Austausch zu Stande kommt.

Er betont zum Schluss die gesellschaftliche Verantwortung der Lehrenden, die sich auch in kritischer Wissenschaft widerspiegeln muss.

So stellt er anschaulich dar, dass Bildung als Investition in z. B. einer Verfünffachung von Lehrkräften, bedingt durch die hohen Studierendenzahlen, den Finanzmarktkapitalismus einschränken kann, da das sonst sehr schnell akkumulierende und transferierende Kapital über lange Zeit gebunden ist.

 

Kommentar Julian Schulz Die Linke. SDS:

Alex Demirovics Vortrag gibt einen guten Einblick in die Situation der deutschen Hochschulen. Er belichtet deutlich die Perspektive der Lehrenden, die im Bildungsstreik zu kurz gekommen ist. Es wird sichtbar, dass die Hochschule keine staatlich regulierte Institution mehr, sondern dem Marktprinzip unterworfen ist und wie ein Unternehmen handelt. Dadurch hat sich die Situation der Studierenden und Lehrenden deutlich verschlechtert. Neben Studiengebühren, verschulten Studiengängen, überfüllten Studienplänen auf Seite der Studierenden, wird die Rolle der Lehrenden als „Lohnsklave der Wissenschaft“ deutlich. Hinzu kommen die undemokratischen Verhältnisse an der Hochschule, die geprägt sind durch die Entscheidungsmacht des Rektors.

Als Die Linke. SDS DuE nehmen wir aus der Veranstaltung das mit, was wir auch im Voraus angedacht hatten. Damit die Bildungsstreikbewegung nachhaltig bestehen kann, muss eine Vernetzung mit den Lehrenden aufgebaut werden. Nur durch eine gemeinsame Analyse der Verhältnisse an der jeweiligen Hochschule, der eigenen Situation, sowie dem Bildungssystem unter der kapitalistischen Produktionsweise generell, wird die Bewegung inhaltlich bestehen können und auch wachsen. Die Bildungsbewegung muss auf Dauer gesamtgesellschaftlich werden und hat dazu auch das Potential. Die aufgezeigten Marktkriterien in der Hochschule gehen konform mit anderen Berufsmärkten. War die Stellung der Lehrenden in den 60er und 70er Jahren nicht so eindeutig dem Markt unterworfen, so wird dies heute umso deutlicher. Eine Vernetzung mit anderen sozialen Bewegungen, sowie Gewerkschaften ist deshalb eine zwingende Notwendigkeit.

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